Andalusien Rundreise durch das wilde Hinterland: Millionen von Touristen stürmen jedes Jahr die Strände Andalusiens. Die mit abertausenden immergleichen Ferienwohnungen und Resorts verbaute Costa del Sol ist das traurige Zeugnis. Wir lassen die Küste und großen Hotspots also einfach links liegen und schlagen uns ganz ohne Plan durchs Hinterland. Kein Touristennepp, keine Reisebusse – dafür faszinierende, schroffe Landschaften im Inland, die einzige Wüste Europas, die letzten wilden Strände und eine verlassene Villa mit schicksalhafter Vergangenheit.

Das Klima in Andalusien Anfang Juni gleicht einem erhitzten deutschen Hochsommer. Für die Menschen in Andalusien ist das noch lange kein Grund die Klimaanlage anzuwerfen. Eine Hitzewand schlägt uns entgegen, als wir aus dem Flieger in Malaga aussteigen – und wir lieben es.

Ronda 

Wir starten unsere Andalusien Rundreise in Ronda. Ok, die Stadt mit der spektakulären Lage am Abhang der El Tajo Schlucht ist jetzt auch nicht gerade unbekannt – Hemingway und seine Liebe zum Stierkampf. Heute ist die Altstadt von Ronda allerdings eher ein Freilichtmuseum, wenn auch ein sehr charmantes. In der Umgebung soll es auch einige ausgezeichnete Wandertouren durch die wilde Landschaft mit einmaligen Fotomotiven auf die Stadt geben.

Roadtrip durch Andalusien: Puente Nuevo in Ronda

Die tausendfach fotografierte Puente Nuevo in Ronda

Ein einschlägiger Treffpunkt

Doch an das Steppen-Klima in Andalusien müssen wir uns erst mal gewöhnen. Schon nach den ersten Kilometern ohne Schatten brauchen wir dringend eine Pause. Der Weg führt an einer mit Graffiti übersäten Ruine vorbei. “Villa Apolo” steht über dem verrottetem Eingang. Hinter dem Haus im verwilderten Garten der Villa verfällt ein ehemals luxuriöser Swimmingpool und ein riesiger Tennis-Court. Warum gibt man eine Villa in erstklassiger Lage mit Blick auf Ronda einfach so auf? Die Anwesen, die wir auf der Tour gesehen hatten, waren allesamt sehr gepflegt bis luxuriös.

Ronda - Die Die Ruinen der Villa Apolo haben eine traurige Geschichte

Die Ruinen der Villa Apolo in Ronda sind heute ein beliebter heimlicher Treffpunkt.

Ein Stück weiter, hinter einem maurischen Turm beginnt der ehemalige Park der Villa. Hier und da parken Autos, die allerdings schnell losfahren, als sie uns sehen. Aha, ein einschlägiger Treffpunkt. Schon ein bisschen unheimlich. Wie recht wir damit haben erfahren wir zum Glück erst, als wir zu Hause danach googeln. Die Tochter des Hauses wurde in den 1920er Jahren im Turm tot aufgefunden. Bis heute weiß niemand, wer ihr Mörder war. Sogar der Vater geriet unter Verdacht, verließ den Ort und ließ die Villa verfallen. Seitdem soll man hier nachts manchmal die verzweifelten Schreie der Tochter hören.

Almería – An der Costa del Plástico

Mittlerweile haben wir uns an die Hitze gewöhnt und nach einem kurzen Wanderstopp im wunderschönen Naturpark El Torcal geht es weiter Richtung Osten. Die Route zum Cabo de Gata führt direkt an der Küste Andalusiens entlang und wir freuen uns auf das Meer. Nach und nach werden die Feriensiedlungen immer kleiner und hören schließlich ganz auf. Die Landschaft an der Costa de Almeria, die in Spanien auch Costa del Plástico genannt wird, überziehen nun unzählige riesige Treibhäuser, soweit das Auge reicht.

Andalusien Rundreise: Die Treibhäuser drängen immer mehr in die Landschaft um Almeria

Die Treibhäuser drängen immer mehr in die Landschaft an der Costa del Sol

Hier schlägt das Herz der spanischen Agrarindustrie. Tausende von Hektar lang erstrecken sich die Gewächshäuser. Der Weg führt uns mitten durch die Treibhäuser in eine andere Welt. Zwischen den zusammengezimmerten riesigen Hallen sehen wir die Arbeiter, anscheinend alle aus Afrika, die in der größten Hitze mit Chemikalien hantieren. Untergebracht sind sie in tristen Hütten oder Containern. Viele tragen noch die traditionelle Kleidung ihrer Heimat. Entwurzelte, die unter schwersten Bedingungen schuften. Wir können uns nicht vorstellen, dass die Löhne zu einem normalen Leben reichen. Spanier sieht man hier nicht arbeiten. Und Bio-Gemüse wird hier wohl auch nicht angebaut. Bis heute haben wir diese Bilder im Kopf, wenn wir im Supermarkt das billige spanische Gemüse sehen.

Cabo de Gata – Ein letztes Stück vom Paradies

Andalusien-Roadtrip: Am Cabo de Gato gibt es noch einsame wildromantische Strände

Am Cabo de Gato gibt es noch einsame wildromantische Strände

Der Plastik-Albtraum endet erst an der Grenze zum geschützten Naturpark Cabo de Gata. Am kleinen Kap im äußersten Südosten Spaniens gibt es dank strenger Auflagen noch ein unverbautes Stück Mittelmeerküste, das so in Spanien kaum noch zu finden ist. Die nordafrikanisch anmutende Landschaft ist geprägt von bizarren Felsformationen, Kakteen, Agaven, Palmen und unzähligen mittelalterlichen Wachtürmen. Das Kap am tiefblauen Meer ist ein Wander- und Badeparadies.

Hier, im tiefsten Hinterland von Andalusien haben wir einige der schönsten Hotels und Ferienwohnungen gesehen. Die Menschen legen großen Wert auf Nachhaltigkeit und lieben ihre Natur. Immer mit Blick auf die endlosen Weiten der Plastik-Meere ist das nur allzu verständlich.

Die Desierto de Tabernas – durch die Wüste

Andalusien Roadtrup durch die Desierto de Tabernas

Optische Täuschung: das ist nicht Utah! Die Desierto de Tabernas im Südosten Andalusiens

Unsere Tour führt uns weiter in Richtung Tabernas. Die auf den ersten Blick etwas heruntergekommene Stadt liegt inmitten der Desierto de Tabernas, der einzigen Wüste Europas. Romantische Gassen oder hippe Cafés sucht man hier vergebens. Aber die in der Hitze flirrende kleine Stadt hat ihren ganz eigenen Charme.

Im einzigen Hotel mit Restaurant “El Puente” sitzen wir mit dem örtlichen Pfarrer und einigen Straßenarbeitern in der Mittagspause auf der schattigen Terrasse. Ein älteres französisches Ehepaar in professioneller Safari-Ausrüstung gesellt sich dazu.

Vom Chef des Hauses, der sich sofort als “Anarchist” vorstellt, erfahren wir, dass sich in die Stadt nur wenige Touristen verirren. Er vermietet aber oft an Filmcrews, denn hier werden viele Werbespots und auch Serien gedreht. Wir sollen ruhig noch ein bisschen sitzen bleiben meint er, als er uns ungefragt zwei eiskalte Bier serviert. Später zieht noch die jährliche Fronleichnamsprozession mit viel Pomp vorbei. Und schon sind wir mittendrin – ein kleines bisschen wie in einem Almodovar-Film.

Durch die alten Filmkulissen kann man eine Tour buchen

Durch die alten Filmkulissen kann man eine Tour buchen

Die Canyons und ausgetrockneten Flussbetten in der Desierto de Tabernas können optisch tatsächlich mit den amerikanischen Badlands mithalten und waren Kulisse für zahlreiche Spaghetti-Western. Irgendwie mag sich das Gefühl der Weite und Freiheit aber nicht so recht einstellen. Selbst mitten in den Canyons hört man das allgegenwärtige Rauschen der Schnellstraße. Nach ein paar Kilometern ist der Spuk dann auch schon wieder vorbei und die schroffe Steinlandschaft geht rasch in die grünen Ausläufer der Sierra Nevada über.

Malaga – Zurück in der Zivilisation

Rundreise Andalusien - Letzte Station Malaga

Málaga ist entgegen seinem Ruf eine lebendige, wunderschöne Stadt mit viel Flair. Die mächtige Kathedrale neben der Alcazaba in der Altstadt.

Als wir am letzten Abend unserer Andalusien Rundreise in Málaga einen entspannten Drink in der Stadt nehmen, sind wir plötzlich wieder in der Zivilisation. Um uns herum tobt das Leben. Malaga ist ein harter Kontrast zum wilden Hinterland: lebendig, chic, modern – und leider auch kein bisschen anarchistisch.

 


 

Mehr Andalusien:

Andalusien Roadtrip – Tipps für Ein- und Aussteiger


Mehr Roadtrip-Abenteuer: 

Israel Mon Amour – Rundreise im heiligen Land

Israel Roadtrip- Tipps für die perfekte Route

Lost Highway – Amerikas rätselhafter Südwesten

USA Südwest: Roadtrip ohne Touristenmassen

Im Tal der Wölfe – die französischen Cevennen


 

Fotos: The Golden Geckosmattern