Der Kantgaragen-Palast ist momentan ein Schandfleck im sich gerade erneuernden Kiez in Charlottenburg. Die Fassade ist heruntergekommen, marode und mit Graffitis übersät. Das Gebäude wurde in 85 Jahren nie komplett saniert. Nie würde man hier ein einzigartiges Baudenkmal internationaler Relevanz vermuten. Wir nutzen die letzte Gelegenheit für einen Blick in die Vergangenheit. Ein Bauzaun lässt ahnen, dass hier bald modernisiert wird.

Der Berliner Kantgaragen-Palast - Verwinkelte Atmosphäre wie in einem Murnau-Film: Der Waschplatz im Zentrum der einzigartigen, doppelgängigen Wendelrampe.

Verwinkelte Atmosphäre wie in einem Murnau-Film: Der Waschplatz im Zentrum der einzigartigen, doppelgängigen Wendelrampe.

Als der Ingenieur Louis Serlin 1930 den ersten Hochgaragenbau Berlins errichten ließ, gab es gerade einmal ein Auto auf 300 Einwohner. Damit lag Berlin – oder vielmehr das reiche Charlottenburg – aber weit vorn. In Hamburg waren es nur einer von 700. Parkraum war knapp und teuer. Die Städte hatten sich noch nicht “automobilisiert”. So kostete ein Stellplatz fast so viel wie eine Wohnung.

Kantgaragen-Palast: Integrierte Fassade der zerbombten Serlin-Villa

Eigentümer Serlin baute die Kant-Garagen direkt an den Wohnsitz. Heute sind noch Mauerreste der zerbombten Villa in den Fassade der Hochgarage integriert.

Einzigartige Konstruktionen

Louis Serlin war aber nicht nur geschäftstüchtig, er war auch ein Visionär. Sein Entwurf der Stahlbetonkonstruktion im Stil der neuen Sachlichkeit mit der gläsernen, geschwungenen Vorhangfassade war und ist weltweit nahezu einzigartig. Die auf- und abwärts fahrenden Autos können sich nicht begegnen, da die Rampen in Form einer Doppelhelix konstruiert sind.

Völlig neuartig waren auch die eisernen “Heinrichsboxen” mit ihren Gliederschiebetoren für die gehobene Kundschaft. Damals eine architektonisch Sensation und bis heute fast beispiellos. Überhaupt gibt es weltweit nur eine noch ältere Hochgarage in den USA.

Kantgaragen-Palast - Heinrichs-Stellboxen

Die Stellboxen der Berliner Firma Paul Heinrichs sind weltweit einzigartig

Gerüchte und Legenden

Gerüchte und Geschichten ranken sich hartnäckig um das Gebäude. In der Nachkriegszeit hatte sich hier ein stadtbekannter Schmuggler eingenistet. Die RAF soll eine der abgeschirmten Boxen bei einer Geiselnahme benutzt haben. In den Achtzigern sah man hier viele Prominente. Filme wurden hier gedreht. Selbst in den Volker-Kutscher-Romanen tauchen die Garagen hin und wieder auf.

Kantgargen-Palast: Detail Treppenhaus

Sogar die New York Times berichtete vor einigen Jahren vom drohenden Abriss des herausragenden Baudenkmals.

Über achtzig Jahre war der Kantgaragen-Palast in Nutzung. Nun ist es still geworden, in den alten Hallen. Es riecht immer noch nach Motoröl und Benzin. Und nach viel Berliner Geschichte. Demnächst beginnt ein neues Kapitel.

 

Kantgaragen-Palast Architekten Nalbach

Schlagen ein neues Kapitel auf: Die Architekten Nalbach + Nalbach will viel der einzigartigen architektonischen Charakteristik erhalten und rekonstruieren.

So sah es zu dieser Zeit auf den Berliner Straßen aus:

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Fotos: The Golden Gecko